Ein Milizsystem kann nur funktionieren, wenn die Unternehmen ihre Mitarbeitenden unterstützen (Interview Schweizer Gemeindeverband)

Kopie aus dem Interview des Schweizer Gemeindeverbands (Link)

Matthias Egli ist Strategiemanager bei PostFinance und seit 1. Januar 2017 grünliberaler Stadtrat im Stadtparlament Bern. Im Interview erzählt er, wie wichtig die Unterstützung des Arbeitgebers ist, was der Vorteil eines Milizsystems ist und wie er Beruf, Politik und Familie unter einen Hut bringt.

Herr Egli, wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Arbeitgeber Ihnen die Möglichkeit bietet, nebenbei ein politisches Amt auszuüben?
Als ich mich 2015 bei PostFinance bewarb, war es mir ehrlich gesagt noch nicht so wichtig. Ich war damals zwar schon parteipolitisch aktiv, aber da die Sitzungen und Treffen jeweils am Abend stattfanden, war es kein Entscheidungskriterium. Mich hatte einfach die Stelle in der Unternehmensstrategie gereizt. Als ich mich dann dazu entschloss, für den Stadtrat zu kandidieren, suchte ich das Gespräch mit meinem Vorgesetzten und tauschte mich auch mit meinen Kollegen aus. Ohne den Rückhalt vom Unternehmen, vom Vorgesetzten und vom Team wäre das Ausüben des Amts sehr schwierig.

PostFinance schätzt es, wenn sich ihre Mitarbeitenden engagieren und unterstützt sie wo immer möglich. Wie sieht die Unterstützung konkret aus?
Ich habe gelegentlich untertags Termine und bin daher auf Flexibilität angewiesen. Es kommt mir sehr entgegen, dass ich mal länger arbeiten und dafür auch mal um 16 Uhr gehen kann. Zudem stellt PostFinance einige Stunden im Monat zusätzlich zur Verfügung. Darüber bin ich auch froh, denn ich arbeite zwar 80%, aber der Tag ist für meine Tochter reserviert.

Wie sind Sie eigentlich zur Politik gekommen?
Bei uns wurde am Mittagstisch immer politisiert. So gesehen begleitet mich das Thema Politik schon seit meiner Kindheit. Es dauerte aber relativ lange, bis ich einer Partei beitrat. Bei mir war die Gründung der Grünliberalen der Auslöser für mein politisches Engagement. Die Verbindung von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Themen hat meinen Nerv getroffen. Mir gefällt aber auch der offene, innovative, dynamische Geist der jungen Partei. Motiviert von den Themen und dem Spirit, übernahm ich bald schon Vorstandsarbeiten und Fachgruppen. Und letztlich habe ich 2016 kandidiert und freue mich, dass es auf Anhieb geklappt hat. Seit 1. Januar 2017 bin ich nun Stadtrat im Berner Stadtparlament.

Wie gehen Sie mit der Doppelfunktion um? Sind Sie schon mal in einen Interessenskonflikt geraten?
Bis jetzt nicht. Da sowohl meine persönliche wie auch die parteipolitische Sicht mit der Ausrichtung von PostFinance in der Regel konformgeht, sehe ich auch wenig Gefahr. Ausserdem sind Finanzierungsthemen keine Stadtratsthemen. Wir beraten über Budgets. Die Umsetzung liegt beim Gemeinderat. Falls es mal zu einem Interessenskonflikt kommen sollte, würde ich natürlich in den Ausstand treten. Ich denke, man muss sich – ob als Politiker oder als Arbeitnehmer – immer bewusst sein, welche Rolle man innehat. Das ist sicher nicht immer trivial, aber sehr wichtig.

Können Sie als Stadtrat von Ihrer Berufserfahrung profitieren und umgekehrt?
Auf jeden Fall. Viele Geschäfte im Stadtrat sind sehr komplex. Hier hilft mir die berufliche Erfahrung oft weiter. Einerseits inhaltlich, denn Themen wie neue Technologien, die Digitalisierung und die daraus resultierenden Veränderungen für den Menschen sind sowohl bei PostFinance als auch in der Stadtpolitik aktuell. Andererseits fällt es mir als Strategieberater leichter, die richtige Flughöhe einzunehmen. Oft will man gerne alles beeinflussen, anstatt sich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Umgekehrt kann die politische Sichtweise auch den Berufsalltag bereichern. Man ist weniger betriebsblind und bringt die gesellschaftliche Relevanz von unternehmerischen Entscheiden vielleicht stärker in interne Diskussionen ein.

Ist das auch der Grund, warum Sie das Schweizer Milizsystem schätzen?
Heute bestimmt. Bevor ich selbst politisch aktiv wurde, war ich nicht sicher, ob es nicht sinnvoller wäre, Berufspolitiker zu haben. Was in einem Milizsystem oft fehlt, ist Zeit. Inzwischen sehe ich aber die klaren Vorteile des Milizsystems. Viele der komplexen Themen brauchen nicht einfach eine starre linke oder rechte Einstellung, sondern viel fachliches Verständnis. Im Stadtparlament tauschen sich Leute aus verschiedenen Bereichen aus – und das ist sehr wertvoll. Allerdings kann ein Milizsystem nur funktionieren, wenn die Unternehmen ihre Mitarbeitenden unterstützen. Sonst engagieren sich die Leute irgendwann nicht mehr. Die Belastung ist gross und die Entlohnung, zumindest auf Lokalebene, marginal. Es braucht eine grosse Motivation, den Aufwand auf sich zu nehmen.

Wenn wir gerade beim Aufwand sind. Bleibt neben Beruf und Politik genug Zeit für Familie und Freunde?
Für die Familie und Freunde muss man sich die Zeit einfach nehmen, aber mein politisches Engagement verlangt natürlich auch von ihnen viel Flexibilität. Man sollte die Politik als zusätzliches Projekt sehen und entsprechend einplanen. Mit einer guten Selbstorganisation bringt man alles unter einen Hut. Allerdings musste ich lernen, hin und wieder Abstriche zu machen. Zum Beispiel bei der Vorbereitung von Geschäften. Ich kann einfach so viel Zeit investieren, wie ich habe, und nicht so viel, wie ich gerne hätte.

Finden Sie bei dem vollen Programm Zeit für sich?
Zweimal pro Woche Sport muss sein, ansonsten müssen persönliche Hobbys hintenanstehen. Im Sommer und Winter habe ich generell mehr Zeit für mich, denn im Stadtrat ist vor allem der Frühling und der Herbst sehr intensiv.

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